Wenn das Herz nicht mehr schlägt…

Heute folgt einer dieser depressiv wirkenden Einträge, die jedoch zum Leben gehören wie…, wie…, ja, wie… schwarz zu weiss. Eben wie Karl Lagerfeld zum Hause Chanel! 😉

Ihr kennt das: Von Zeit zu Zeit durchbricht das Dunkel die hellsten Sonnentage, die – zugegeben – keine wären ohne eben jenes Dunkel.

Was ist passiert?

 Meine Nachbarin berichtete mir auf unserer letzten Abendhunderunde unter Stocken, dass unser Nachbar im Hoch-Parterre verstarb. Und an dieser Nachricht, das ahnte ich, würde ich die nächsten Tage sehr zu knabbern haben.

Ich meine, er war mir kein Verwandter. Auch kein nahestehender Freund. Aber eben ein guter Bekannter. Ein vertrautes Gesicht. Eines, das ich seit 10 Jahren nahezu jeden Tag aus dem Fenster grüßen und schmunzeln sah. Fast schon eine kleine Institution, weil ihn jeder im Block kannte und jeder unter seinem Fenster zu einem kleinen Plausch hielt. Er wusste dies und jenes zu berichten, hielt immer die Augen offen, war stets bestens gelaunt.

Er rauchte viel. Sicher zu viel. Aber was heisst das schon… Mein Großvater wurde 82 mit 3 Päckchen Zigaretten am Tag!

Doch unser Nachbar verstarb ganz plötzlich.

Mit nur knapp über 60!

S-E-C-H-Z-I-G-!-!-!

Einfach umgekippt.

Gerade erst in den Ruhestand eingetreten! – Er freute sich „uff den Umzuch in`t Jrüne“, blickte euphorisch auf bestimmt weitere 20 Jahre, ganz sicher aber auf das Hinter-sich-lassen des kräftezehrenden Arbeitslebens. Eben auf das Geniessen des Lebens“abends“ mit Familie und Enkeln.

*kopfschüttel*

Ich werde ihn, den ich „nur als Nachbar“ kannte, ganz sicher vermissen.

– Herr S. hatte immer ein sicheres Auge auf unsere geparkten Autos, war bestens informiert über Kiez-News und Herr S. war auch unter unseren Fellnasen über die Haustürgrenzen bekannt. Wir alle nannten sein Fenster mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht unseren „McDonalds Drive In„, weil wirklich immer ein Stückchen Käse, Wurst oder lecker Gekochtes von seiner Frau den Weg zu RoMeo & Co. herunter fand.

Und nun soll all` das Vertraute plötzlich nicht mehr sein???

Mein erster Satz an meine Nachbarin, als mir die Tränen in die Augen schossen, war: „Ich habe Angst vor`m Leben!“.

Und jetzt, wo ich mich nachts im Bett hin- und herwälze, wo ich immer wieder aus viel zu kurzen Schlafphasen gerissen werde, geht mir mein eigener Satz nicht aus dem Kopf.

Doch was ich so schnell und irgendwie unter Schock stehend von mir gab, entspricht meinem Gemütszustand, meinem gegenwärtigen Gefühl.

ICH habe keine Angst vor dem Tod.

ICH habe Angst vor dem Leben.

Wir alle fühlen eine große Verantwortung, haben hohe Ansprüche an uns selbst. Nicht alle, aber viele. 😉 … Und wenn dir mit zunehmendem Alter bewusster wird, wie zerbrechlich das Leben ist, wie schnell das Lebensende näher rückt oder wie kurz deine Zeit auf Erden nur noch bemessen sein könnte, läuft dir ein Schauer über den Rücken, oder?

Anfang April erst verstarb kiss FM-Radio-Moderator Sebastian Radke. Ein Sonnenschein und eine Sportskanone. Mit 40!!! – Auch da trat schon diese Art von Angst bei mir ein.

Binnen einer Sekunde wird uns vor Augen geführt, dass die Zeit nicht in unserer Hand liegt. Egal, wie sportlich, jung oder bewusst wir leben und fühlen. Das wir lernen sollten, Prioritäten zu setzen. Prioritäten, um unser Leben noch möglichst reich zu gestalten. Reich im Sinne von unsere Zeit jeden Tag bestmöglich – gerade auch privat – zu nutzen.

Und das ist, wie ich empfinde, unseren Liebsten und vor allem uns selbst gegenüber eine große Verantwortung. … Was für Wünsche stehen schon Jahre oder Jahrzehnte auf unserer Wunschliste formuliert? Warum haben wir den ein oder anderen nicht schon längst geschafft, umzusetzen? Ist er überhaupt wichtig, um glücklich aus dem Leben zu treten?

Tot ist tot. Ist Staub. Ist Vergessen.

Ruhestätte in Bautzen

Oder?

Werden unsere Seelen doch weiter leben und sich an unser(e) Leben erinnern?

Ich habe in diesen Wochen zunehmend Angst vor dem Leben. Angst, die Zeit nicht (un)vernünftig genug genutzt zu haben. Angst vor dem Punkt, an dem Leben und Tod ihren Pakt geschlossen haben. Ohne mein Wissen. Angst, genau wie Herr S. lächelnd am Fenster zu stehen und in der nächsten Sekunde einfach nicht mehr „Atschö“ zum Leben sagen zu können. 🙁

Also wie ist der Plan, um (wieder) zu mir zu kommen? Um das Gefühl zu bekommen, gelebt zu haben. Da gewesen zu sein.

Oder:

Was mache ich genau heute, um am Abend das Gefühl zu haben, es wäre total in Ordnung, mich davon zu schleichen???

Atschö_Adieu_Goodbye

Dieses Bild habe ich auf meinem sonntäglichen Weg zum Flohmarkt geschossen. Sieht irgendwie aus, wie: „LmaA. Ich gehe.“ 😉

Das obere Foto zeigt eine wunderschöne Ruhestätte in Bautzen.

7 Gedanken zu „Wenn das Herz nicht mehr schlägt…

  1. Oh Liebes! Das ist nie schön etwas vertrautes und bekanntes hergeben zu müssen. Für Herrn S freue ich mich das er nicht leiden musste, wem die Stunde schlägt der sollte es schnell und schmerzlos hinter sich bringen. Schade ist, dass er sein Rentner Dasein nicht genießen konnte. Mein Vater sagt immer:
    „Der Tod muss schön sein, ich kenne Niemand der wieder zurück gekommen ist“. Ich auch nicht… auch wenn ich mir das manchmal wünsche.

    • …ach, Elsa. Was dein Vater sagt, ist ja auch suess! 🙂 Da muss man gleich wieder schmunzeln und sich ein Paradies vorstellen, dass jedem Genuege tut. 🙂 – Im Grunde hast du wieder mal Recht, so ist’s wohl der angenehmste Tod. Doch wollen wir Menschen nicht immer noch Abschied nehmen, bevor wir ein Herz ziehen lassen?

  2. Oh je! Das tut mir wirklich sehr leid zu lesen. Ich glaube ich kann deine Gefühle, zumindest teilweise, nachvollziehen. Denn ich habe auch ziemliche Angst vorm Leben. Vor dem Tod andererseits aber auch ein bisschen.

    Ich würde mir wünschen, schnell zu sterben. So wie dein Nachbar.

    Liebe Grüße und herzliches Beileid, meine Liebe.

    Aada

    • …danke dir, Aada. Meine andere Nachbarin fragte, warum mich sein Tod so mit nimmt… aber vieles laesst sich nicht erklaeren. Es fehlt halt ein Stueck Alltag/Zuhause/heile Welt und ich habe jeden Tag mit Blick auf das Fenster das Gefuehl, zu wissen, wie sehr seine Frau und Familie gerade trauern. 🙁

  3. Liebe Mia Mi!
    Das Leben ist wie es ist; der Tod kommt oder lässt auf sich warten. Das Leben ist kürz oder lang. Glücklich oder traurig. Daran kann man nichts oder wenig tun.

    Mein Vater hatte seinen ersten von fünf grossen und zahlreichen kleineren (Aussage seines Internisten) Herzinfarkten und starb mit 63. Viel zu früh! Meine Mutter – sie verlor übrigens Ihre Mutter als Baby und Vater mit zwei Jahren -durchlebte fünf Darmkrebsoperationen und war bis zum letzten Tag, mit 91 Jahren, einen Sonnenstrahl. Trotz meiner Sportlichkeit und tägliches Trainierens, hatte ich meinen ersten (und letzten?) Herzinfarkt mit 49 Jahren…während eines Radtoures.

    Who cares?

    Es macht – glaube ich – wenig Sinn „meaning of life“ zu viel zu überleben. Das Leben und der Tod sind wie sie sind. Man sollte, mE lieber überlegen was man unbedingt erleben oder machen möchte bevor man geht. Dies könnte vielleicht die Prioritäten ändern.

    Bin dabon überzeugt, dass Du ein bewusstes Leben führst…weiter so!

  4. Du, ich glaube auch…abgesehen davon, dass du ihn eben doch lange kanntest, dass bestimmte Dinge einen so mitnehmen, weil einem dann einiges klar wird.

    Beispiel:

    Mein Mann erzählte mir kürzlich von dem Tag, an dem man ihn anrief, um ihm zu sagen, dass seine Mutter ganz plötzlich gestorben sei. Er beschrieb mir, wie er sich fühlte und dass er regelrecht zu Boden ging.

    Und im nächsten Moment stellte ich mir ein Leben ohne meine Mutter vor und konnte mich viele Stunden gar nicht mehr beruhigen.

    Das zeigt eben zum einen den Funken Menschlichkeit in uns und zum anderen, wie verwundbar und zerbrechlich wir tatsächlich doch sind. – Wie du schon sagtest.

    Küsschen! ♥

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